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DOCUMENT
72
AUGUST 1900
72.
To Mileva Maric
Zürich
Dienstag.
[14?
August
1900][1]
Liebes
Schatzerl!
Schon wieder sind
ein
paar träge
öde
Tage
an
meinem
schläfrigen
Auge
vorübergelaufen,
weißt
Du,
solche
Tage,
an
denen
man
spät aufsteht,
weil
man
nichts Rechtes
zu
thun
weiß,
dann
fortgeht,
bis
das Zimmer
gemacht
ist,
dann
studiert,
so einige
Stunden
bis
man zu
müde
ist.
Dann
drückt
man
sich
so
herum und freut
sich
so
halb
aufs
Essen,
wobei
man
noch über
hochwichtige
philosophische Fragen
schlaffen
Geistes nachsinnt
&
ein bischen dazu
pfeift
......
Wie
hab
ich
nur
früher allein leben
können,
Du mein kleines
Alles.
Ohne Dich
fehlt
mirs
an
Selbstgefühl,
Arbeitslust,
Lebensfreude-kurz
ohne Dich
ist
mein Leben
kein Leben.
Sogar
Besuche hab
ich
gemacht,
um
mich
zu
zerstreuen. So
war
ich bei
Frau
Markwalder,[2]
welche
immer noch
von
der
gleichen apatisch-schlaffen
Liebenswürdigkeit
ist & alles in
einem undefinierbaren Dusel
sieht;
ein Glück,
daß
ich
nimmer
bei
ihr
bin.
Auch beim
Jungferli
war ich,
das immer noch
eine
der
nettesten &
frischesten Personen
ist,
die wir
hier kennen.
Sie
geht
jetzt
fort für
immer;
sie
siedelt
um
nach einem kleinen Städtchen
im
Thurgau.
Bei
Deiner Hausfrau
war
ich auch.[3]
Dein Koffer
sei
längst
fort.
Sie
fragte,
ob Du
vielleicht
das Zimmer behalten
wollest, sie
würde
es
dann
extra
mieten.
Ich
schlug
es
aber ab
(der Tyrann!
wirst Dir
denken).
Länger
als bis
zu
den
ersten
Tagen
des
Oktober
gebe
ich
Dir aber nicht
Urlaub,
das
ist
grade lange
genug.
Samstag
reise ich
nach Italien
um
bei
meinem Vater
des
Genusses
des
"heiligen
Sakraments"
teilhaftig
zu
werden;[4]
doch der wackre Schwabe forcht
sich
nit.[5]
Hoffentlich
verschimmle
ich
nicht
auch
so,
wenn
ich
alt
werde,
dann
ist
es
schon recht. Daß
man
auch anders
sein
kann,
das beweisen mir Deine Alten-müssen
prächtige
Leute
sein.
Sag
nur
nicht
zu
viel
von mir,
sonst
kriegen
sie
auch noch
Angst.
Wenn
ich
schlauer
gewesen
wäre,
hätt
ich
brav mein Maul
gehalten.
Warum hab
ich
meine
Losung
omnes
tractandi
sunt
nicht
besser
beherzigt? Nun,
dafür wirds
umso
schöner,
wenn
wir
uns
wieder
in
Zürich haben und beim duftenden
Gofeerl[6]
unsere
Weisheit vermehren! Daß Dich Dein Mütterchen
gut
füttert & Dein
Schwesterchen schön
neckt,
das
ist recht, &
daß Du Sehnsucht nach mir
hast,
das macht mich
stolz!
Studiere
nur
nicht
viel, wenn
Deine Bücher
kommen,
sondern ruhe Dich
aus,
daß Du mir wieder der alte Gassenbub
wirst.
Nur
eines will
&
verlang
ich
von
Dir,
daß
es
Dir wohl
sein soll.
Wenn das aber nicht der Fall
ist,
dann
prügle
ich
Dich.
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