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DOCUMENT 104 MAY 1901
104.
To
Alfred
Stern
Milano,
3.
Mai
1901.
Sehr
geehrter
Herr
Professor,
Wenn Sie vielleicht
zufaellig
einmal
meiner
gedacht
haben,
werden
Sie
mich
gewiss
fuer recht
undankbar
gehalten haben, weil ich
von
Zuerich
weg
bin,
ohne
mich auch
nur
bei Ihnen
zu
verabschieden.
Trotzdem
mir dieser
peinliche
Gedanke oefters
in
den Sinn
kam,
brachte
ich
mich doch
nie
zum
Schreiben, weil ich
immer
darauf
warten
wollte,
bis ich
Ihnen
irgend
etwas
Angenehmes
von
mir
zu
sagen
wuesste-
und das hat eben
gerade
bis
heute
gedauert.
Ich bekam naemlich
die
Aufforderung,
am
Technikum Winterthur
vom
15.
Mai
bis
15.
Juli den mathematischen Unterricht
zu
uebernehmen,
da der
dortige
Professor waehrend dieser Zeit
Militaerdienst hat.[1]
Ich bin
ausser
mir
vor
Freude
darueber,
denn heute erhielt
ich die Nachricht,
dass
alles
definitiv
geordnet sei.
Ich habe
gar
keine
Ahnung,
welcher Menschen-
freund
mich dorthin
empfohlen hat,[2]
denn
soviel
man
mir
sagte,
bin
ich bei
keinem
einzigen
meiner frueheren
Lehrer
gut angeschrieben,
und ich
hatte
mich nicht
gemeldet,
sondern erhielt
eine
Aufforderung.
Auch
ist
Aussicht
vorhanden,
dass
ich
spaeter
am
schweizerischen
Patentamt
bestaendige
Beschaeftigung finde.[3]
Was
soll ich
aber
jetzt sagen
ueber
alle
Guete und vaeterliche
Freund-
schaftlichkeit,
mit der
Sie mich stets
beglueckt
haben,
wenn es
mir
vergoennt
war,
bei
Ihnen
zu
sein?[4]
Ich weiss
ja,
dass
Sie
es
wohl
wissen
und dass
Sie
es
nicht hoeren
wollen.
Aber das
ist
gewiss,
dass mir noch keiner
so
entgegenge-
kommen
ist wie
Sie,
und dass
ich
mehr als einmal in
traurigen
oder bitterer
Stimmung
zu
Ihnen
ging
und dort
stets
Freudigkeit
und inneres
Gleichgewicht
wiederfand.-Damit
Sie
mich aber
jetzt
nicht allzu sehr
auslachen,
muss
ich
doch
gleich
dazu
setzen,
dass
ich
ganz
gut
weiss,
dass
ich ein
lustiger
Fink
bin und ohne einen verdorbenen
Magen
oder
so was
aehnliches
gar
kein
Talent habe
zu
melancholischen
Stimmungen.
Hoffentlich
geht
es
Ihrer Frau Gemahlin[5] wieder
ganz gut, so gut,
dass
sie in
den Osterferien wieder haben
ausfliegen koennen,
wie
schon
oft.
Da
aber
Frl. Dora
jedenfalls
ihr
Examen
glaenzend
bestanden
hat,
lasse ich
ihr
herzlich
gratulieren.[6]
Bei
Frau
Ansbacher[7]
bin
ich
sehr
oft
gewesen
waehrend meines
Hierseins,
am
meisetn in
der
Zeit,
in welcher
ihre
Schwester
von
Augsburg
hier
war
mit ihrer
Tochter, welche
Musik studiert.
Luigi
studiert
nun
in
Leipzig
noch
ein
Semester,
nachdem
er
schon letztes
Jahr
in Pavia
seine
Studien beendet
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