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14. From Arnold Sommerfeld
München 11. I. 22.
Lieber Einstein!
Die langweiligen Rundschreiben der Math. Ann. geben mir diesmal die erfreu-
liche Gelegenheit an Sie zu
schreiben.[1]
Es ist wirklich ein Jammer, dass Sie sich durch den taktlosen Artikel der Schau-
bühne abhalten ließen, hierher zu
kommen.[2]
Ich habe mir dies edle Blättchen end-
lich verschafft und bin von seinem Geiste angewidert. Diese Art von
Internationalismus kommt mir in unserer heutigen Lage wirklich scheusslich vor,
zumal sie nur durch Sensationslust und Pietätslosigkeit diktirt
ist.[3]
Was den
Schreiber des Artikels über Sie betrifft, so hat derselbe ja flott aus der Schule ge-
plaudert. Was er über die Ausschußsitzungen sagt, war mir natürlich neu, da die
Studenten ihre Beratungen sonst diskret zu behandeln
pflegen.[4]
Ich war mit unse-
rem
Rektor,[5]
dem ich das Blättchen zeigte, natürlich der Meinung, dass die An-
gelegenheit mit Verachtung totzuschweigen ist. Sie sollten einmal unsere armen
Studenten von 1922 vergleichen mit dem Schauerbilde, das Sie sich von ihrer Blut-
rünstigkeit
machen.[6]
Es ist wahr, im Jahre 1919 u. Anfang 1920 waren sie etwas
aus dem
Häuschen,[7]
aber jetzt sind sie lammfromm, sofern nicht ein neues En-
tentediktat ihnen einen neuen Fusstritt versetzt. Sie haben das in einem italieni-
schen Interview, das ich in der „Auslandspost“ las, sehr gut gesagt, und sollten Ihr
Stimme im Auslande laut
erheben.[8]
Was das infame Figaro-Interview betrifft, so
würde ich es auch gern an die Auslandspost schicken, mit dem Vermerk „von An-
fang bis zu Ende gelogen“. Aber Sie werden mir schwerlich dazu die Erlaubnis ge-
ben. Es ist umso infamer, als auch Ihre Frau Gemahlin in dieses Interview
hineingezogen
ist.[9]
Nehmen Sie es mir nicht übel, dass ich in diesem Falle durch
Anschütz Ihr nationales Wohlverhalten feststellen
lies;[10]
es wäre sonst an Ihrem
Bilde für mich ein Flecken geblieben! Mein Lusitania -Artikel
[11]
ist übrigens aus-
ser von Ihnen auch von den drei neutralen Collegen, an die ich ihn geschickt hatte,
totgeschwiegen worden. Die Welt will sich eben nicht aus ihrem dogmatischen
Schlummer in bezug auf die deutsche Schuld wecken lassen, vielmehr will Loyd
George daraus noch die mannigfachsten Kapitalien
schlagen.[12]
Es ist wirklich Zeit, dass wir uns einmal wieder sprechen, damit nicht die wahn-
sinnige Räuberpolitik der Entente zu guterletzt auch uns entzweit. Doch gehen wir
zu etwas Erfreulichem über:
Sie haben also wieder eine grosse Entdeckung gemacht, die Undulationstheorie
begraben, wie mir Anschütz
mitteilt.[13]
Ich bin froh, wenn sie an irgend einem Zip-
fel ein sichtbares Loch bekommt. So wie bisher geht es mit dem Dualismus der
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