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44. From Hermann Anschütz-Kaempfe
München, Leopoldstr. 6, 3. 2. 22.
Lieber verehrter Professor Einstein!
Sie können sich ja ungefähr vorstellen, wie Ihr Brief an Sommerfeld eingeschla-
gen hat, eine Bombe ist nur ein schwacher
Vergleich;[1]
er gab ihn mir ganz ver-
zweifelt, verzweifelt an Ihnen u. der Menschheit; ich fürchte, mein Trost war auch
bitter u. doch vielleicht etwas Arznei; ich meinte, daß allgemeine Menschenliebe
und National-Gefühl sich immer gegensätzlich erwiesen hätten u. daß da doch et-
was nicht stimmen könne.
Jetzt ist der Figaro-Artikel wohl endgültig begraben. R. i.
p.[2]
Vorige Woche referierte Prof.
Herzfeld[3]
über den
Kanalstrahl-Versuch;[4]
er
hatte seine Wissenschaft auch aus zweiter Hand; allgemein war das Bedauern, daß
wir hier in München Sie gar nicht zu sehen u. zu hören bekommen sollen. Der blut-
rünstige Artikel in der Weltbühne ist meines Erachtens keiner Aufmerksamkeit
wert, die Studenten hier haben die Nachkriegs-Psychose schon längst überwunden
u. vor Ihrer Person macht bestimmt jeder Antisemitismus Halt, auch der fanati-
scheste![5]
Wir wollen heuer schon im März nach Kiel siedeln, die Arbeit d. h. die Schwe-
bekugel ruft. Wir haben gute Erfolge mit dem
Steuer-Automaten,[6]
er hilft dem
Kreiselkompaß sich einzubürgern.
Am 18. Febr. ist bei uns im Hause Fakultät-Abend wie jeden Winter; wenn Sie
halt mal da auch dabei wären, gäbe es viel Freude. Salon-Wagen hat ja die Revolu-
tion verboten, aber ein Schlafwagen-Abteil würde ich Ihnen in Berlin u. hier besor-
gen, damit Sie gar keine Mühe und Arbeit haben. Und die Orgel und der Musiksaal
wären doch auch Attraktionen, besonders, wenn Ihre Geige mitkäme.
Und dann fiele vielleicht für die Physiker auch ein kleines Colloquium ab, wenn
es auch mit dem von Ihnen zuerst gemeldeten negativen Ausfall des Licht-Experi-
mentes nicht
stimmt.[7]
Schön wär’s halt doch. Und schließlich u. endlich ist es halt
doch das Beste auf der Welt, anderen Menschen Freude zu machen.
Mit besten Grüßen Ihnen u. Ihrer Gattin von uns beiden Ihr
Anschütz-Kaempfe.
ALS. Lohmeier and Schell 2005, pp. 156–157. [37 374]. Written on the author’s letterhead.
[1]See Doc. 41.
[2]Requiescat in pace (Latin for “rest in peace”). On the article in Le Figaro (Recouly 1921), see
Doc. 41.
[3]Karl F. Herzfeld (1892–1972) was Privatdozent in Chemistry at the University of Munich.
[4]Apparently on the Geiger-Bothe experiment.
[5]For the article in the journal of Munich students that made Einstein refrain from lecturing at the
university, see Doc. 27.
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