D O C U M E N T 6 3 F E B R U A R Y 1 9 2 2 1 5 5
63. To Paul Langevin
[Berlin,] 27. II. 22
Lieber Freund Langevin!
Als ich Ihren lieben Einladungsbrief
erhielt,[1]
hatte ich eine grosse und reine
Freude, und jetzt nach einer Woche nehme ich zögernd und traurig die Feder in die
Hand, denn ich kann die Einladung jetzt nicht annehmen, so gern ich es persönlich
tun würde—auch abgesehen von den herzlichen Gefühlen der Freundschaft, die ich
gegen Sie hege. Sie wissen, dass ich der Ansicht bin, dass die Relationen zwischen
den Gelehrten durch politische Ursachen nicht leiden dürften und dass die Rück-
sicht auf die wissenschaftliche Arbeitsgemeinschaft über alle sonstigen Rücksich-
ten gehen sollen. Sie wissen auch, dass ich restlos international gesinnt bin und
dass die Tatsache, dass ich an der preussischen Akademie der Wissenschaften an-
gestellt bin, auf diese Gesinnung keinen Einfluss gehabt
hat.[2]
Aber nach gewis-
senhafter Erwägung bin ich zu der Ueberzeugung gelangt, dass in diesem
Augenblick politischer Spannung mein Besuch in Paris mehr nachteilige als gün-
stige Folgen
hätte.[3]
Meine Kollegen hier, werden nach wie vor von allen interna-
tionalen wissenschaftlichen Veranstaltungen ausgeschlossen und sie sind der
Meinung, dass hieran in erster Linie die französischen Arbeitsgenossen schuld
sind.[4]
Ich weiss die tiefen Ursachen, die zu dieser Einstellung geführt haben, wohl
zu würdigen. Aber andererseits können auch Sie sich vorstellen, dass diese hiesi-
gen Menschen, deren Empfindlichkeit durch das Geschehen und Erleben der letz-
ten Jahre fast in’s Krankhafte gesteigert worden ist, in diesem Augenblick meine
Reise nach Paris als einen Akt der Treulosigkeit empfinden und derart gekränkt
sein würden, dass sehr missliche Folgen entstehen könnten. Aber auch in Paris dro-
hen unübersehbare Komplikationen. Ich weiss mir nichts Schöneres, als mit Ihnen,
Perrin und Mad. Curie wie einst im behaglichen Kämmerlein plaudern zu können,
und Ihren Studenten die Relativitätstheorie mit einer subjektiven Note
auszumalen.[5]
Aber das grosse Publikum und—die Politik haben sich längst mei-
ner Theorie und Person bemächtigt und beide irgendwie ihren Zwecken anzupas-
sen versucht. Es würde eine erhebliche Zahl Menschen geben, die auf jedes freie
Wort von mir lauern würden, um es in passender Zubereitung den Zeitungslesern
vorzuwerfen.[6]
Meine diesbezüglichen Erfahrungen der letzten Zeit lassen mir
diese Gefahr als sehrgross erscheinen; der Endeffekt ist stets Hass und Feindschaft
statt Vernunft und
Wohlwollen.[7]
Man würde mich sicher auch über meine politi-
schen Meinungen fragen bezüglich der französisch-deutschen Relationen; da ich
nicht anders reden kann als ehrlich, würde mir meine Antwort weder diesseits noch
jenseits des Rheins Sympathien eintragen.
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