D O C U M E N T 2 6 M A Y 1 9 2 3 5 5
26. From Maja Winteler-Einstein[1]
Sestofiorentino–Colonnata, 11. Mai 1923
Mein liebes Brüderlein!
Ich denke, Du bist gut von Deiner Reise heimgekommen u. wie immer sehr be-
friedigt von Deinem Holländer Aufenthalt. Hoffentlich hast Du Elsa wieder gesund
angetroffen. Es beunruhigt mich, dass sie so oft krank
ist.[2]
War sie wieder so arg
seekrank? Liebe Elsa, Du machst ja viel durch mit Deiner Gesundheit. Es wäre,
glaube ich, gar nicht dumm gewesen, wenn Ihr nach Rom gezogen
wäret.[3]
Jeden-
falls ist das Klima u. die Lebensverhältnisse überhaupt dort viel besser als in Ber-
lin. U. so ganz schwer muss es auch nicht sein, sich dort einzugewöhnen. Dass ich
mich riesig gefreut hätte, Euch näher bei mir zu haben, brauche ich wohl nicht erst
[zu] sagen. U. die römischen Fascisten würden mich wegen Dir, lieber Albert, we-
niger beunruhigen, als ihr antisemitisches Gegenstück in Berlin. Aber es ist ja un-
nötig darüber zu sprechen, Du scheinst ja entgültig abgelehnt zu haben.
Pauli[4]
hat Dir, lieber Albert, sofort nach Erhalt Deines Brief[es] eine Karte ge-
schrieben, ¢ob er die² in der er Dich fragt, ob er die gewünschte Quittung sofort von
sich aus schicken solte oder ob er Nachricht aus Zürich abzuwarten hätte. Auch
wollte er gerne wissen, ob die Sache nach pro rata temporis laufe oder ob das lau-
fende Jahr im „Schmerzensgeld“ inbegriffen
ist.[5]
Du scheinst bei Ankunft der
Karte schon verreist gewesen zu sein, sonst hättest Du sicher schon längst geant-
wortet.
Es ist ein wahres Glück, dass Du den Nobelpreis gerade jetzt erhalten hast, sonst
wäre guter Rat wirklich teuer gewesen wie Du Deine Familie in der Schweiz erhal-
ten könntest.
Ich habe, um unsern Finanzen aufzuhelfen d. h. um das Häuschen schuldenfrei
zu bekommen, schon diesen Winter angefangen, eine Biographie Deiner Kinder-
u. Jugendjahre zu
schreiben.[6]
Ich habe wirklich Freude daran gehabt mich in die
fernen Zeiten zurück zu versetzen. Ich hätte auch schon amerkanische Verleger als
Interessenten für die Sache. Aber natürlich publiziere ich nichts, wenn Du Deine
Zustimmung nicht gern dazu gibst. Ich dachte nur—jemand wird das über kurz
oder lang doch machen. Es wird so viel über Dich publiziert, was Dich in ein fal-
sches Licht stellt, warum sollte ich nicht einmal etwas Wahres über Dich schrei-
ben? Die Biographie ist [noch] nicht ganz fertig, Pauli feilt noch an der Form.
Wenn Du es wünschest, schicke ich Dir das Manuskript sobald es fertig ist.
Wenn der 19 jährige Albertli, der doch ein sehr gescheiter Junge ist, so sehr an
seiner Mutter hängt, so ist das gewiss ein sehr gutes Zeugnis für
sie.[7]
Sie scheint
jedenfalls eine aussergewöhnlich verständnisvolle Mutter zu sein. Darüber mag ich
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