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83. From Jacques Loeb[1]
[New York,] July 20, 1923
Mein lieber, hochverehrter Herr Professor Einstein:
Wir haben oft an Sie gedacht und ich hatte oft die Absicht an Sie zu schreiben,
aber ich hörte immer, dass Sie nicht in Deutschland seien. Zunächst wollte ich Ih-
nen die herzlichste Gratulation zum Nobel-Preis aussprechen, der Ihnen die ver-
diente finanzielle Unabhängigkeit garantiert; dann zum glänzenden Ausfall der
Campbellschen
Eclipsexpedition.[2]
Wir waren hier etwas beunruhigt weil C. skep-
tisch war, aber alles ist aufs glänzendeste verlaufen. Sowie ich Sie kenne, haben Sie
wohl an dem günstigen Ausfall der Beobachtungen nie gezweifelt. Es ist aber gut,
dass alles sich so schön erledigt hat; anderenfalls hätte man die Sache zu einer per-
sönlichen Hetze ausgenützt.
Von uns kann ich viel berichten. Mein Sohn hat eine Stelle als Assistant Profes-
sor ¢in² der Physik an der University of California (Berkeley)
angenommen[3]
und
wird im August seine Stelle antreten. Seine Arbeiten schickt er Ihnen wohl regel-
mässig
zu.[4]
Letzten Winter litten meine Frau und ich an einer Reihe von Influ-
enza-erkrankungen was uns zwang auf einem Monat nach Bermuda zur Erholung
zu gehen. Es ist wunderschön dort und ich empfehle es Ihnen wenn Sie einmal Eu-
ropa müde sind und im Frieden in einer paradiesischen Umgebung leben wollen.
Wir erholten uns und es geht uns jetzt wieder leidlich gut.
Die geplante Hilfe für deutsche Forscher ist inzwischen zur Ausführung gelangt;
sie scheint aber noch nicht recht zu arbeiten. Unsere Freunde, O. Warburg, Michae-
lis, und Meyerhof werden aber, wie ich hoffe, unterstützt
werden.[5]
Meyerhof war
inzwischen schon in Amerika und ich hoffe wir werden Warburg im kommenden
Jahr auch hier sehen. Für Michaelis, der in Japan ist, hoffe ich eine Stelle hier zu
erhalten, und vielleicht auch für Meyerhof. Es tat mir leid, dass Herr
Haber[6]
sich
vom Comité zurückgezogen hat; hoffentlich lässt es sich bewegen wieder in das
Comité einzutreten; ich würde das für sehr wünschenswert halten.
Ich will die Broschüre von Herrn Dr. Gabor einem Sachverständigen über-
reichen,[7]
aber ich kann keinen Erfolg versprechen.
Mein Buch hat das Wespennest der Kolloidchemiker
aufgestöbert.[8]
Die Sachen
sind so weit durchgearbeitet, dass an der Richtigkeit der wesentlichen Tatsachen
und Schlüsse wohl kein Zweifel besteht. Die vier wesentlichen kolloidalen Eigen-
schaften der Eiweisskörper, Membranpotentiale, osmotischer Druck, Quellung und
die Form der Viskosität die auf der Quellung vom Micellen beruht, finden auf
Grund der Donnanschen Gleichung ihre quantitative Erklärung. Ich arbeite jetzt an
der Ursache der
Doppelschicht[9]
welche die Stabilität der suspendierten Teilchen
bedingt. In diesen Arbeiten muss ich leider auf Lenard’s
Wasserfallelektrizität[10]
Rücksicht nehmen, da er eine Theorie der Schichtenbildung in der Oberfläche des
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