D O C U M E N T 9 2 J U L Y 1 9 2 3 159
92. To Hermann Anschütz-Kaempfe
[Berlin], 26. VII. 23.
Lieber, guter Herr Anschütz!
Dank Ihnen, dass Sie sich dieser heikeln Sache angenommen
haben.[1]
Dafür,
dass ich Albert wieder gut bin und mit ihm zusammen sein kann, ist nur nötig, dass
er nach Ihrer Überzeugung eingesehen hat, dass er mir Unrecht gethan hat und dass
er es ernsthaft bereut. Wenn das der Fall ist, braucht er gar nicht nach München zu
kommen,[2]
noch sonst eine Formalität zu erfüllen. Nicht einmal schreiben brauch-
te er mir. Einstweilen aber sucht er den Grund nicht bei seinem eigenen Verhalten,
sondern bei der Sonderbarkeit seines „alten Herrn“, indem er sagt, dass „die Ursa-
chen, die Papa leiten ihm unklar
seien“.[3]
Nicht einmal von Bedauern sehe ich et-
was in seinem Briefe, und die Frau schreibt auch nicht wie jemand, der weiss, dass
man fast sein letztes Hemd zeitweise für ihn hergegeben
hat.[4]
Von Seiten der Frau
geschieht dies in der Überzeugung, dass Sie in die Verhältnisse nicht eingeweiht
seien. Den Jungen wollen wir auf die Probe stellen, um herauszubringen, ob er ei-
gentlich weiss, wie unverschämt er geschrieben hat, oder ob er es nur so im Dusel,
halb unbewusst, gethan hat. Es wäre also hübsch, wenn Sie es so machten; ¢dass²
Sie sagen zunächst nichts davon, dass Sie seinen Brief an
mich[5]
gelesen haben,
sondern sprechen zunächst nur allgemein mit ihm über die Angelegenheit. Nachher
aber, wenn das geschehen ist, sagen Sie ihm ganz ruhig, dass ich Ihnen seinen Brief
zu lesen gegeben habe. Wenn er davon nicht viel Notiz nimmt, dann hat er mir im
Dusel geschrieben. Dann ist es gut. Wenn er aber erschrickt und verlegen wird,
wenn er sich quasi ertappt fühlt, dann zeigt es, dass er nicht offen geredet hat und
sich ertappt fühlt. Dann möcht ich ihn lieber nicht sehen. Ich verlasse mich übri-
gens völlig auf Ihre Fingerspitzen in menschlichen Dingen. Wie Sie es beurteilen,
so werde ich es für richtig halten. Ich selbst muss gestehen, dass mir die Gesinnung
des Jungen nicht recht klar ist. Vielleicht wird es ihm Eindruck machen, wenn Sie
ihm die wahren Verhältnisse objektiv vor Augen halten.
Ich werde mit Eduard = Teddy etwa am 6. oder 7. nach Lautrach kommen und
freue mich sehr darauf. Vorher will ich noch den Geburtsort meines
Vaters[6]
besu-
chen (Buchau bei Ulm). Ich werde vorher nicht nach München gehen, da ich hier
nicht so schnell fort kann. Dann gehe ich eben nach Lautrach nach München. Wie
ich meine Ankunft genau vorhersagen kann, weiss ich nicht; aber es ist kein Eigen-
sinn, sondern die labyrinthartige Reise, die ich da vorhabe.
Seien Sie mit Ihrer
Frau[7]
einstweilen herzlich gegrüsst von Ihrem
A. Einstein.
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