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145. From Gustav Bradt[1]
Berlin, Potsdamerstraße 27, 12. XI. 23
Sehr verehrter Herr Professor!
Wahrscheinlich wissen Sie über die Lage in Deutschland durch die Mitteilungen
der holländischen Presse besser Bescheid, als wir hier in Berlin, da hier die Buch-
drucker streiken und die Zeitungen nicht
erscheinen.[2]
Es scheint zur Zeit eine ge-
wisse Entspannung eingetreten zu sein, da man im Augenblick die Gefahr von
rechts nicht mehr so hoch einschätzt wie bisher, weil die Rechtsputschisten unter
einander uneinig sind und einander
mißtrauen.[3]
Von einer Pogromstimmung kann man in diesem Momente hier nicht reden. Der
Abwehrwille ist auf der Gegenseite erkannt und „schlagende“ Beweise verfehlen
in der Gegnerschaft ihre Wirkung nicht. Seit einigen Tagen sind etwa 50 junge Ju-
den in die grüne Polizei als Schupobeamte eingestellt
worden.[4]
Gegen gewisse
Auswüchse in ostjüdischen Kreisen gehen unsere jungen Leute selbst vor—so z. B.
gegen den wilden Valutahandel auf der Straße und in den Cafés, indem die Händler
sehr energisch auf die Gefahren hingewiesen werden, welche sich für die Juden-
schaft aus diesem Treiben ergiebt. So werden wir mit diesen Auswüchsen schneller
fertig werden, als die offiziellen Behörden.
Gestern besuchte mich Herr Geh. Rat Planck, der unendlich traurig darüber ist,
dass Sie nicht hier sind. Er empfindet den Anlass zu den Befürchtungen um Sie als
eine tiefe Schmach dieser Zeit, dieses Landes und dieses Volkes. Er will durchaus
gegen die Persönlichkeiten angehen, welche die von uns befürchteten Absichten
hegen. Von mir hoffte er, praecise Angaben über Personen dieser Art zu bekom-
men. Da auch ich ihm bestimmte Angaben, greifbare Beweise nicht geben konnte,
so will er an die Möglichkeit, dass Ihnen eine Gefahr drohen könnte, nicht glauben.
Sein Stamm hat noch keine 2000 jährige Martyriologie hinter sich, wie der unseri-
ge. Wir sind daher vorsichtiger, scheuer als er, trotz seiner tiefen, grundehrlichen
Besorgnis um Sie. Sie haben ja von Herrn Prof. Planck Briefe
bekommen[5]
und er
wird Ihnen seinen Standpunkt geschrieben haben. Der meinige ist—ich bitte [Si]e,
die Hervorkehrung meiner Ansicht nicht als eine Aufdringlichkeit aufzufassen—
derselbe geblieben, wie an dem Tage, an welchem ich Sie besuchte: Eine definitive
Abkehr scheint mir nicht nötig zu sein. Auch hier werden einmal ruhigere Zeiten
kommen, wird auch die Erkenntnis kommen von der Schmach dieser Zeit und ein
günstiger und sittlicher Aufstieg. Aber in unruhigen Zeitläuften ist es gut, das Ri-
sico zu verkleinern, ja aufzuheben. Auch in solchen Zeiten müssen Sie ruhig arbei-
ten können—wie, das ist die Aufgabe jeweiliger Überlegung.
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