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DOCUMENT
45
MARCH
1899
zum
Fresen. Ja so-das
Brieferl
wird auch noch nach berühmten Mustern
ins
Muster fürs Muster
gesteckt-frisch
gewagt
ist
halb
gewonnen.
Zuhause
gehts
mir
famos;
ich habe
die
Zeit
sehr viel
mit
den innerlichsten
Freuden
zugebracht,
das
heißt,
recht viel
gegessen
& recht
gut,
so
daß
ich
auch schon
ein
wenig
an unserm poetischen Lieblingsleiden gelitten
habe,
wie
damals,
als ich bei Sterns[2]
Stunden
lang
neben meiner
berückenden,
lieb-
reizenden Tischnachbarin
gesessen war.
Damals hat
sich
mir in
grellen
Farben
geoffenbart,
wie
nahe
unser psychisches
&
physiologisches
Leben
verknüpft
ist.
Auf der
Reise
war
es
sehr
nett,
trotzdem leider
lauter
männliche
Wesen im
Wagen waren.
Da
waren so
ein
paar
nette frische
italienische
Jungens,
die
miteinander
sangen
& lachten
& scherzten,
so
halb
wie
junge
Mädchen,
halb
wie
junge
Hunde.
In
Chiasso[3]
ist
mirs
gut
gegangen.
Der
Kerl
hat doch
nichts
rechts,
hat
sich
halt
der schlaue Beamte
gedacht.
Während
ich
mich
dann auf der ferneren
Reise
mit einem
jungen
Mann über italienische Ver-
hältnisse
angelegentlichst
unterhielt,
bemühte
sich ein
zum
ersten
Male nach
Italien reisender deutscher
Jüngling
&
Handelsbeflissener,
die
paar
itali-
enischen
Gelegenheitsbröcklein,
die
er
sich
eigens
zu
diesem Zweck
ange-
schnallt
hatte,
möglichst
elegant
&
ungezwungen
an
den Mann
zu
bringen.
Das
war gerade,
wie
wenn
einer mit einer
Trompete,
die
nur
2
Töne
hat,
in
einem
Orchester mitblasen wollte & immer
sehnsüchtig
wartet, bis
er
wieder
einen
davon ertönen lassen kann.
Ihre
Photographie
hat bei
meiner Alten
großen
Effekt
gemacht.
Während
sie
in
der
Betrachtung
versunken
war sagte
ich
[noch?]
dazu sehr verständnis-
innig:
Ja, ja,
die ist
halt
ein
gescheidtes
Luder. Dafür
&
für ähnliches hab
ich
schon ziemlich Neckereien
auszustehen,
was
mir aber
gar
nicht
unangenehm
ist.
Meine Grübeleien über
die
Strahlung fangen
nun
an,
etwas
mehr
Grund
&
Boden
zu
kriegen-ich
bin selbst
neugierig,
ob
was
draus werden
will.
Seien Sie
herzlich
gegrüßt
u.s.w.,
letzteres
besonders,
von
Ihrem
Albert.
Gruß
von
meiner
Alten.
ALS
(CLE).
[1] Dated
on
the
assumption
that the letter
was
written
on
the
first
or
second
Monday
after the end of lectures for the winter
semes-
ter
of
1898-1899
(see
ETH
Programm 1898b,
p. [3]).
[2]
Alfred
Stern
was Professor of History at
the ETH. It
is
likely
that the Ansbacher
family
of
Milan, close
friends of both the Einstein
and Stern
families,
introduced Einstein
to
the
Sterns
(see Kayser 1930,
p. 54).
Einstein
was
a
frequent guest
in
the Stern household
(see
Doc.
66).
[3]
The
Swiss
border crossing
on
the
Zurich-
Milan railroad
line.
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