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Meine Hauptfrage ist: Wie stellen Sie sich zu dem Buch von Bleuler, in dem viel
von Ihnen steht (Naturgeschichte der Seele, Springer Berlin 1921) Sie müssen sich
unbedingt einmal zu so etwas die Mühe nehmen zu
lesen.[3]
Wenn Bleuler die Bedeutung von Moral u Religion als Führung heute gering
einschätzt so überschätzt er wohl sicher—bei aller Bescheidenheit—die Macht ei-
ner führenden Logik auf Grund der Naturwissenschaft, (trotzdem er am Schluss
sagt: die Moral sei im Hirn angeboren) wie ich das auch tat u tue. Wenn ich sehe
mit meiner Einstellung auf Gefahren u Gefährdungsschutz wie viel Mittel es gibt,
um sich vorzumachen u andere anzulügen. Es gibt keine Gefahr!—das geht uns
nichts an, das ist Sache der Versicherung etc. Wenn man nach dem Krieg die
schreckliche Verlassenheit der deutschen Arbeiter durchlebt, ja dann wird man die
Überzeugungskraft, die Impulsgrösse, die durch intellektuelle Einsicht gewonnen
wird erzwungen werden kann, oder auf den schwerfällig gewordenen Gewissens-
wogen hervorgelockt wird, nicht mehr so hoch einschätzen. Es fehlt zu viel.— Also
schreiben Sie mir über Bleulers Buch. (Merkwürdig, dass über diese Werte so we-
nig drin steht.)
Hat Sie Weyl in Berlin besucht. Ich sah ihn 5 Monate kein einziges Mal—lese
nun in der Sammlung
Lorentz-Minkowski-Einstein-Weyl,[4]
dass er die Feldphy-
sikfragen, von denen er sich so viel versprach, aufgegeben hat, resigniert. Vor
einem Jahr war er so voll von Ideen, Hoffnungen (auch im Specialfach: Pytha-
goras).[5]
Eddington ist einfach von köstlicher
Lebendigkeit[6]
Anschaulich ohne
Hinterhältigkeiten Die letzte Zeit las ich
Laplace:[7]
Dies war ein umfassender An-
schauungsmensch. Etwas trostlos ist, dass alles, was er in den Essays sur la proba-
bilité” bringt an Gebieten bis heute kaum in einem Spec Gebiet (Versicherungen)
wirklich beachtet wurde. Da ging es schneller mit der Relativität.
Haben Sie Bericht von den Knaben
hier[8]
Da man nicht in der Zeitung liest, wo
der Mann ist, ist es einem schon beinah langweilig. Indessen bhüets
Gott[9]
Zangger
ALS. [40 019].
[1]Dated by the publication of Lorentz et al. 1922 (printed before 3 January 1922; see Doc. 5) and
by the reference to Einstein’s possible visit to Göttingen.
[2]Max Born and James Franck invited Einstein to Göttingen on the occasion of David Hilbert’s
sixtieth birthday on 23 January 1922 (see Docs. 4 and 6).
[3]Bleuler 1921. Zangger already had recommended the book in his letter to Einstein of 21 Novem-
ber 1921 (Vol. 12, Doc. 304).
[4]Lorentz et al. 1922.
[5]See the footnotes by Weyl to the reprint of Weyl 1918a in Lorentz et al. 1922.
[6]Zangger may have read Eddington 1920.
[7]Laplace 1921, a new edition of his Essai philosophique sur les probabilités (1814).
[8]Hans Albert and Eduard Einstein.
[9]Expression for “May God protect us” in St. Gallen.
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