D O C U M E N T 7 5 M A R C H 1 9 2 2 1 6 7
Akademie,[2]
Ihr stets bewiesenes [Woh]lwollen gegen jüdische Studenten geben
mir Mut und Vertrauen, Ihnen eine mir tief am Herzen liegende Bitte vorzutragen.
Ich bin der Sohn des Rabbiners von
Bialystok,[3]
meine Familie ist im 17 Jahr-
hundert aus Deutschland ausgewandert und meine Väter haben stets viel auf dem
Gebiete der Thora-Wissenschaft geleistet, so sind sie als weise, gelehrte Männer im
ganzen Osten berühmt. Ich selbst habe bis zum 18 Jahre die alt-jüdische [Liter]atur
gelernt und glaube mir so ein gutes Wissen angeeignet zu haben. Meine Bekannt-
schaft mit dem Werk des Maimonides hat in mir den Wunsch erweckt, die europä-
ische Bildung zu erwerben und die Medizin zu meinem Beruf zu machen—nach
dem Talmudworte: „Es wohne die Schönheit Japhets in den Zelten
Sems“.[4]
So bin ich nun als Abiturient nach Deutschland gekommen, um an einer Univer-
sität hier zu studieren.
Bereits im vorigen Semester reichte ich deshalb meine Papiere ein, jedoch wur-
de ich mit meiner Bitte zurückgewiesen. Zum kommenden Semester habe ich nun
widerum meine Papiere dem Preussischen Ministerium für Wissenschaft, Kunst
und Volksbildung übergeben und wäre Ihnen nun sehr dankbar für eine Unterstüt-
zung meines Bestrebens beim
Ministerium.[5]
Da ich von der Schwirigkeit in Berlin
gehört habe, geht meine Bitte um Aufnahme an die Universität zu Königsberg. Die
Ablehnung meines Gesuches würde meinen Lebensplan zerstören und mich daher
tief schmerzen.
Es geht an Sie der Ruf eines jungen Juden, der mit Eifer lernen will und dem alle
Zugänge zur Wissenschaft verschlossen sind. Ihre Persönlichkeit erschient der ost-
jüdischen Jugend wie eine Legende, und da ich Ihr Land aufsuche, richte ich in der
Not mein Wort an Sie.
In tiefen Verehrung
Lipa Halpern.
Das Gesuch zusammen mit dem Abiturientenzeugniss vom Gymnasium Lida,
Gouvernement Wilna, habe ich am 7/III–1922 dem Preussischen Ministerium für
W. K. und V. (Unter den Linden 4) übermittelt.
ALS. [43 849]. There are perforations for a loose-leaf binder at the left margin of the document.
[1]Halpern (1902–1968).
[2]The Hebrew University.
[3]Rabbi Shlomo Halpern (1882–1941).
[4]A reference to the following passage in Tractate Megila of the Talmud, p. 9b: “R. Simeon b.
Gamliel says that books [of the scripture] also are permitted to be written only in Greek. R. Abbahu
said in the name of R. Johanan: The halachah follows R. Simeon b. Gamliel. R. Johanan further said:
What is the reason of R. Simeon b. Gamliel? Scripture says, God enlarge Japheth, and he shall dwell
in the tents of Shem; [this means] that the words of Japheth shall be in the tents of Shem. But why not
say [the words of] Gomer and Magog? R. Hiyya b. Abba replied: The real reason is because it is
written, Let God enlarge [yaft] Japheth: implying, let the chief beauty [yafyuth] of Japheth be in the
tents of Shem.”
[5]Einstein apparently intervened on his behalf before 21 May (see Abs. 230).
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