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Psychoanalyse getrieben, indem die Ursachen, so weit sie unbewusst gewesen sein
mögen, der bewussten Kontrolle unterworfen und dadurch beseitigt wurden, dass
fortan eine andere Einstellung stattfindet: Sie wollten fortan manches als Gegen-
satz von Blut, Gefühl, Temperament oder wie Sie es nennen wollen, ansehen, was
Sie bisher nur logisch be- und verurteilt haben. Sie haben mir zu meiner übergros-
sen Freude und in einer ethischen Grösse die Ihrer wissenschaftlichen gleichsteht,
versprochen, die wissenschaftlichen Beziehungen wenigstens wieder aufzuneh-
men, und zwar im Interessen der
Wissenschaft.[3]
Ich habe das Vertrauen zu Ihnen,
dass Sie dieses Versprechen halten, besonders dann, wenn, wie ich zu fühlen glaub-
te, bei seiner Abgabe ein klein wenig Freundschaft zu dem mitgesprochen hat, der
dieser zwar nicht geistig, aber an Treue würdig sein dürfte.
Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, wie sehr ich mich freuen würde, bald zu hören,
dass Sie sich gesprochen haben; ich bin überzeugt, Sie werden befriedigt davon sein.
In dieser Hoffnung bin ich mit allseitig vielen herzlichen Grüssen von uns
beiden[4]
Ihr treu ergebener
Oppenheim.
29. 4. 22
Vorstehendes kann ich erst heute absenden, da ich nicht früher Freundlichs Ant-
wort erhalten habe, der verreist war. Sie ändert an meinen Ausführungen nichts,
veranlasst mich vielmehr zu folgender, hoffentlich nicht unbescheidener Anre-
gung, die mir für den Augenblick die beste Lösung zu sein scheint: Sie haben nach
meiner Ablehnung zu entscheiden. Wollen Sie nicht damit eine Zeitla[n]g warten?
Solche Entscheidungen soll man nicht aus Stimmungen heraus fällen. Inzwischen
könnten Sie das Manuskript an einem sicheren Platz zu Ihrer jederzeitigen alleini-
gen Verfügung (z. B. Handschriftensammlung der
Staatsbibliothek[5]
oder
schliesslich auch bei sich zu Hause) vorerst deponieren. Ich verspreche Ihnen na-
türlich, dass ich über die ganze Angelegenheit kein Wort mit Ihnen rede, es sei
denn, dass Sie mich geradezu zwingen. Summa summarum: Warten Sie mit der
Ausführung der zweiten Alternative. Sie werden mir vielleicht Dank für diese klei-
ne Modifikation wissen. Nochmals herzlichst Ihr ergebener
Oppenheim.
ALS. [11 326]. There are perforations for a loose-leaf binder at the left margin of the document.
[1]Oppenheim (1852–1929) was a chemist with N. M. Oppenheim Nachfolger.
[2]A dispute had broken out in December 1921 between Einstein and Erwin Freundlich over the
ownership of the manuscript of Einstein 1916e (Vol. 6, Doc. 30) (see Einstein to Erwin Freundlich,
20 December 1921 [Vol. 12, Doc. 330]).
[3]As a consequence of the dispute, Einstein intended to dissolve his official and personal ties to
Freundlich (see Einstein to Arnold Berliner, 24 December 1921 [Vol. 12, Doc. 339]). However, he
continued to remain in contact with Freundlich (see Abs. 127).
[4]Presumably from Oppenheim’s wife, Gabriella Oppenheim-Errera.
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