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221. From Hans Delbrück
Grunewald, den 7.6. 22
Sehr geehrter Herr Kollege!
Ich danke Ihnen bestens für die Mitteilung der Eindrücke, die Sie in Paris bezüg-
lich des Prof. Aulard empfangen
haben.[1]
Wenn er wirklich ehrlich die Wahrheit
sucht, was ja wohl zutreffen mag, so hat er jedenfalls nicht die Charakterkraft seine
Gedanken zu Ende zu denken, und das genügende Verantwortungsgefühl, dass was
er drucken lässt, sorgsam durchzuarbeiten. Wenn Sie meine Offnen Briefe an ihn
verfolgt haben, der letzte im Berliner Tageblatt 25. Mai und 28. Mai, so werden Sie
beobachtet haben, dass er die positiven Fragen, die ich ihm stelle, einfach unbeant-
wortet lässt, und in dem ebenso perfiden wie törichten Angriff auf den Botschafter
v. Schoen, den er beschuldigt, seine letzte Ciffre-Depesche absichtlich gefälscht zu
haben, hat er sich selber einer groben Fälschung schuldig
gemacht.[2]
Herr v.
Schoen weisst ihm das in einem Aufsatz, der in der Deutschen Revue erscheinen
wird,
nach.[3]
Es ist schwer, sich in die Denkweise der heutigen Franzosen zu ver-
setzen. Nachdem Aulard der Disputation mit mir ausgewichen ist, erbot sich statt
seiner Professor
Basch,[4]
zwar nicht öffentlich, aber in einem geschlossenen Krei-
se. Auch das ist jetzt wieder zurückgenommen worden. Lässt sich solches Verhal-
ten anders erklären, als dass man bereits das Bewusstsein hat, dass neben den
Russen der Präsident der französischen Republik der wahre Kriegsurheber
war,[5]
und dass man sich noch nicht getraut, das einzugestehen und sich dessen überfüh-
ren zu lassen?
Ich lasse Ihnen durch den Verlag die neueste Nummer der ”Deutschen Nation“
schicken, in der ich mich mit dem skandalösen Artikel Herrn v. Gerlachs über den
Münchner Prozess auseinandergesetzt
habe.[6]
Es ist ein währes Unglück, dass die
deutsch-französische Zusammenkunft im Reichstag unter dem Präsidium Gerlachs
stattfinden
soll.[7]
Sie ist dadurch von vorn herein diskreditiert. Wenn Gerlach eine
Spur von wirklichem politischen Instinkt hätte, so hätte er die Gelegenheit wahrge-
nommen[,] jetzt auch, zum Heile der Menschheit, in die grosse Einheitsfront zur
Aufklärung der Schuldfrage einzutreten. Aber völlig befangen, wie er ist, von Ge-
sichtspunkten der inneren Politik, und Hass gegen das alte Regime, hat er die gros-
se Gelegenheit nicht verstanden und dadurch auf lange Zeit hinaus der
pazifistischen Bewegung in Deutschland die Möglichkeit jeder erfolgreichen Pro-
paganda abgeschnitten. Glücklicherweise hat man, wie Lehmann
Russbüldt[8]
mir
mitteilte, ohnedies beschlossen, am Sonntag die Schuldfrage nicht zu berühren.
Hoffentlich gelingt es, wirklich Ueberschreitungen dieser Grenze zu verhüten.
Mit vorzüglicher Hochachtung Ihr ganz
ergebener[9]
Hans Delbrück
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