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sters natürlich nicht berechtigt. Eine solche Feier kann nur gedacht werden als Stel-
lungnahme gegenüber dem Ereignis des politischen Mordes. Nun ist zwar eine
Einmischung der Bildungs-Institutionen in politische Dinge an sich verwerflich.
Aber es wäre nicht nur bei uns kommt es auf eine Festigung der moralischen Ein-
stellung überhaupt
an.[3]
Die Universität soll nach meiner Meinung klar Stellung
nehmen in dem Sinne, dass sie sich zu einer unbedingten Verurteilung politischer
Morde bekennt (Studenten und Professoren sollten dabei sprechen). Sie soll klar
heraussagen, dass der Meuchelmord auch im Dienste der Politik ein verabscheu-
ungswürdiges Verbrechen ist, und dass eine menschliche Gesellschaft, in welcher
das Vertrauen auf die Respektierung des Lebens fehlt, notwendig verfallen muss.
Ich bin überzeugt, dass eine solche Kundgebung, wenn sie entschieden und einmü-
tig ist, einen bedeutenden und guten Einfluss im Sinne einer Gesundung der öf-
fentlichen Meinung ausüben wird. Ein Schweigen der Universität würde beim
heutigen Stand der Dinge auch als Stellungnahme ausgelegt werden.
Mit besten Grüssen Ihr
A. Einstein.
ADftS. Nathan and Norden 1975, p. 73. [32 816].
[1]Addressee identified by the assumption that the letter is a response to a request by the rector of
the University of Berlin whose office was held by Nernst at the time. Two days earlier, Nernst had
banned a memorial service for Rathenau organized by the left-wing student associations at the uni-
versity. Upon announcement of the planned service, right-wing students threatened to disrupt it. The
university authorities cited legal reasons for banning the service as political activities were not per-
mitted within the halls of the university (see Berliner Tageblatt, 29 June 1922, Evening Edition, and
30 June 1922, Morning Edition).
During the memorial festivities in honor of the university’s founder held in August, Nernst himself
delivered a speech condemning the murder of Rathenau, calling him a friend and associate (see Nernst
1922, and Kormos Barkan 1999, p. vii).
[2]Rathenau had been assassinated on 24 June (see Doc. 245).
[3]At this point in the original, Einstein indicates a note that he had appended at the bottom of the
page: “also um die Wahrung von Werten, die über dem Streit der Parteien stehen. Ein Schweigen der
Universität .”
259. From Otto Gradenwitz[1]
Heidelberg, 1. 7. 22
Hochgeehrter Herr,
Bei Diels’ Bestattung sah ich
Sie,[2]
erkannte Sie nach Bildern, und gewann
einen Eindruck, der mich zu folgender Frage ermutigte:
Philipp Lenard ist mir seit 13 Jahren bekannt, seit bald 5 Jahren stehen wir sehr
kühl; nach Erzählungen bin auch ich der Ansicht, dass seine Extravaganzen daher
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