3 9 2 D O C U M E N T 2 6 6 J U L Y 1 9 2 2
266. To Max Planck
Kiel, 6. Juli 22.
Lieber Kollege!
Dieser Brief fällt mir nicht leicht; aber es muss doch sein. Ich muss Ihnen mit-
teilen, dass ich den versprochenen Vortrag an der Naturforscher-Versammlung
nicht halten kann, trotz meiner früheren festen
Zusage.[1]
Ich bin nämlich von Sei-
ten durchaus ernst zu nehmender Menschen (von mehreren unabhängig) davor ge-
warnt worden, mich in der nächsten Zeit in Berlin
aufzuhalten[2]
und überhaupt
insbesondere davor, irgendwie in Deutschland öffentlich
aufzutreten.[3]
Denn ich
soll zu der Gruppe derjenigen Personen gehören, gegen die von völkischer Seite
Attentate geplant sind. Einen sicheren Beweis dafür habe ich natürlich nicht; aber
die gegenwärtig herrschende Situation lässt es als durchaus glaubhaft erschei-
nen.[4]
Wenn es sich um eine Handlung von wesentlicher sachlicher Bedeutung
handelte, würde ich mich durch solche Motive nicht abhalten lassen; aber hier han-
delt es sich um einen lediglich formalen Akt, bei dem ein anderer (z. B.
Laue)[5]
mich ohne Weiteres ersetzen
kann.[6]
Die ganze Schwierigkeit kommt daher, dass
die Zeitungen meinen Namen zu oft genannt und dadurch das Gesindel gegen mich
mobil gemacht haben. Nun hilft nichts als Geduld und—Verreisen. Eines bitte ich
Sie: Nehmen Sie dies kleine Vorkommnis mit Humor hin, wie ich es auch thue.
Mit freundlichen Grüssen Ihr
A. Einstein.
ALS (Arnold Norwig, Krailling). Seelig 1960, pp. 306–307 (with the first two sentences and greetings
omitted); Nathan and Norden 1975, p. 73–74. [77 023]. An incomplete autograph draft of this letter
is also available [19 300]: “Lieber Kollege! Heute ist es mir schmerzlich Ihnen zu schreiben, weil ich
weiss, dass Sie unangenehm berührt sein werden. Aber in diesen aufgeregten Tagen ist es andererseits
doch leichter, weil man schon an kräftige Dosen gewöhnt ist. Nach diesem Anlauf zur Sache. Ich habe
zuverlässige Kunde davon erhalten, dass mir hier von deutsch-völkischer Seite nach dem Leben ge-
trachtet wird—eine Frucht der mehrjährigen Zeitungsartikel, die sich seit einigen Jahren mit mir be-
schäftigen. Da ich nun aber noch einigermassen lebenslustig bin, hab ich beschlossen, meine Leiche
sogleich in Sicherheit zu bringen. Ich kann deshalb mein Kolleg nicht weiter halten, in Leipzig nicht
sprechen und an dem geplanten Kongress nicht t.”
[1]For references to Einstein’s previous acceptance of the invitation to lecture in Leipzig, see
Doc. 211.
[2]Maybe a hint at Wilhelm Westphal (see Doc. 271). See also Doc. 253.
[3]For Einstein’s plan to leave Berlin and join Hermann Anschütz-Kaempfe’s company in Kiel, see
Doc. 276, notes 2 and 3.
[4]A wave of political murders had spread across Germany. Walther Rathenau was assassinated on
24 June. A few months earlier, Matthias Erzberger, who had signed the armistice ending World War I,
was killed by members of the ultra-nationalist Organisation Consul. On 4 June, Phillip Scheidemann,
first chancellor of the republic, was the target of a failed assassination attempt by the same organiza-
tion. Shortly after Rathenau’s murder, Maximilian Harden (Felix Witkowski), journalist and publisher
(1861–1927), was pummeled with an iron rod. He survived the attack but never completely recovered
(see Sabrow 1999, p. 7).
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