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Anlass, um mich aus dem geräuschvollen und besonders für mich mit viel Unruhe
verbundenen Berlin zu entfernen, um wieder in der Stille arbeiten zu können. Die
materiellen Bedingungen dafür haben sich mir
geboten.[5]
Dies alles sage ich Ihnen, weil ich es Ihnen schuldig bin. Aber ich bitte Sie, aus-
ser
Langevin[6]
niemand davon zu sagen, da sonst ungünstige Folgen entstünden.
Mit herzlichen Grüssen Ihr
TLC. [34 776].
[1]In her letter, Curie had expressed her dismay at Einstein’s decision to resign from the Interna-
tional Committee on Intellectual Cooperation (see Doc. 268).
[2]“uach” should probably read “auch.” Adolf von Harnack (1851–1930) was president of the
Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft. Max Planck.
[3]Latin for “without anger or bias.”
[4]See his letter to Max Planck (Doc. 266).
[5]Apparently he was contemplating to move to Kiel and take up a position in Hermann Anschütz-
Kaempfe’s factory (see the following document).
[6]Paul Langevin.
276. To Hermann Anschütz-Kaempfe
[Berlin,] 12. VII. 22.
Lieber Herr Anschütz!
Das war eine schöne und hoffnungsfrohe Woche in Kiel in Ihrem Märchen-
hause.[1]
Die Aussicht auf ein geradezu normales menschliches Dasein in der Stil-
le, verbunden mit der willkommenen praktischen Arbeitsmöglichkeit in der Fabrik
entzückt
mich.[2]
Dazu die wundervolle Landschaft, das Segeln—beneidenswert.
Nur von dem Ankauf der romantischen Villa Esmarch müssen wir leider Abstand
nehmen. Denn die Kieler Bürger würden den Ankauf eines historisch so schwer be-
lasteten
Gebäudes[3]
durch einen Juden als provokatorischen Akt empfinden und
sich irgendwie an mir rächen; es gibt immer Möglichkeiten, wenn man nur will. Es
ist meine feste Überzeugung, dass der Ankauf der Villa zu schweren Komplikatio-
nen führen würde. In so aufgeregten Zeiten sind die Menschen überhaupt sonder-
bar. So hat unsere Freundin erzählt, dass eine Kieler sozialistische Zeitung sich
über die schwarz-weiss-rote Flagge an Ihrem Schiffchen („Mörderfahne“) sich
sehr aufgeregt
hat.[4]
Das Klima in Kiel scheint auch die Menschen etwas stür-
misch zu machen
…..
Manchmal kommt man sich unter den Menschen vor wie in
einer Büffelherde. An sich sind sie nicht bös, aber man muss doch acht geben, dass
sie einen nicht zertrampeln.
Machen Sie sich wegen unserer Wohnung keine Gedanken. Im schlimmsten Fal-
le bleibt meine Frau solange in Berlin, bis sich etwas Passendes findet. Ich habe
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