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351. To Max Wertheimer
[Berlin,] 12. IX. 22.
Lieber Herr Wertheimer!
Sie wissen, dass ich in einer Kommission des Völkerbundes für internationale
Organisation geistiger Arbeit
bin.[1]
Nun hat mich neulich Becker vom Kultus-
Ministerium[2]
kommen lassen, mit der Bitte, ich möchte mich während meiner
Abwesenheit in Ostasien dort vertreten lassen, damit von Deutschland jemand da
sei. Becker nannte mir einige (z. B.
Tröltsch!),[3]
die ich aber nicht gut genug ken-
ne, und auf die ich mich nicht genug verlassen kann. Ich kenne nur einen einzigen,
auf den und auf dessen freie und objektive Sinnesart ich in jeder Beziehung ver-
traue, und das sind
Sie.[4]
Meine Bitte geht dahin, Sie möchten mich bei den Sit-
zungen dieser Kommission (zu welcher auch Frau Curie und Bergson
gehören)[5]
in Genf vertreten. Es wurde mir von dort ausdrücklich gesagt, dass diese Vertretung
meine rein persönliche Angelegenheit sei und dass für meine Wahl nur mein per-
sönliches Vertrauen massgebend sein
solle.[6]
Geben Sie mir keinen Korb! Sie bekommen die Reise bezahlt und riskieren
nichts bei der Sache, lernen vorzügliche Leute kennen und haben Gelegenheit, Gu-
tes zu wirken. Das Kultusministerium wünscht über die Ereignisse dort unterrichtet
zu werden. Es bleibt aber ganz ihrem Urteil überlassen, was Sie dort nach der
Rückkunft von Genf ihnen mitteilen wollen (mündlich) und was nicht. Die Kom-
mission hat erst eine Sitzungsperiode
gehabt,[7]
und Sie werden sogleich auf dem
Laufenden sein. Ilse zeigt Ihnen alles zur Orientierung.
Schreiben Sie mir recht bald, da ich an den Völkerbund ein offizielles Gesuch
richten muss, in dem ich Sie vorschlagen möchte.
Mit den besten Ferienwünschen und Grüssen Ihr
A. Einstein.
Die nächste Session wird vielleicht im Spätherbst stattfinden. Ich bin dorthin
gewählt nicht als Vertreter Deutschlands sondern einfach als Person . So müssen
auch Sie die Sache ansehen. Haupttraktanden: Internationaler wissenschaftlicher
Austausch. Organisation der geistigen Arbeiter. Linderung des Mangels in den
wirtschaftlich betroffenen Ländern. Bei uns existieren starke Vorurteile gegen den
Völkerbund. Ich glaube aber, dass dort viel guter Wille und Zukunfts-Möglichkeit
steckt.
ALSX. [34 789].
[1]See Doc. 314 for Einstein’s latest communication on this matter.
[2]Carl H. Becker (1876–1933) was Prussian Minister of Science, Culture, and Education.
[3]Ernst Troeltsch (1865–1923) was Professor of Philosophy at the University of Berlin. In spite of
Troeltsch’s advocacy of international reconciliation, David Hilbert had accused him of “crossing over
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