D O C U M E N T 4 5 7 M A R C H 1 9 2 3 7 4 9
457. From Richard Stern[1]
Berlin W 62, den 28. März 1923
Hochverehrter Herr Professor!
Verzeihen Sie gütigst, dass ich Ihre kostbare Zeit für einige Augenblicke in An-
spruch zu nahmen wage.
Durch Ihre hochverehrte Frau Gemahlin und Ihr Fräulein Tochter werden Sie
vielleicht davon unterrichtet sein, dass der „Hilfsbund für deutsche Musikpflege M.
V.“,[2]
dessen geschäftsführende Vorstands-mitglied ich bin, sich für die traurige
Lage des Herrn Carl Stampe interessiert und sein Elend zu lindern bemüht ist. Aus-
ser den Unterstützungen, die ich ihm von Seiten des Hilfsbundes zugewandt habe,
ist es mir gelungen, auch andere musikalische Kreise für Stampe zu gewinnen.
Aber alle kleinen Beihilfen nützen nichts, da dem Manne nur mit einem Kapital ge-
holfen ist, durch das man ihm neu kleiden und mit einer angemessenen Wohnung
versehen könnte. Leider wird dies eine Unmöglichkeit sein, denn die Mehrzahl der
Musiker befindet sich, wie Ihnen, hochverehrter Herr Professor, bekannt sein dürf-
te, in ähnlicher trauriger Lage. Der Hauptzweck meines heutigen Schreibens ist
der, Ihnen und Ihrer hochverehrten Frau Gemahlin für die ausserordentliche Teil-
nahme, die Sie Stampe bis jetzt bewiesen haben, aufrichtig zu danken und Sie zu
bitten, ihm das Asyl in Ihrem Hause noch für einige Zeit belassen zu wollen. Stam-
pe fühlt sich in seiner Bodenkammer ausserordentlich glücklich und hat nur die
eine Furcht. dass er sie über kurz oder lang verlassen muss. Ich habe mich beim
Deutschen Roten Kreuz, bei der Zentrale für private Fürsorge, bei den Studenten-
heimen, kurz bei allen ähnlichen Vereinigungen um ein bescheidenes Zimmer für
Stampe verwende[n] leider aber überall anschlägigen Bescheid bekommen. Darum
war ich glücklich, dass er bei Ihnen ein Unterkommen finden durfte, das ihm hof-
fentlich noch längere Zeit erhalten bleibt.
In vorzüglicher Hochachtung Ihr ergebenster
Hilfsbund für deutsche Musikpflege
Dr. Richard Stern.
TLS. [45 041]. Written on letterhead “Hilfsbund für deutsche Musikpflege,” and addressed “Herrn
Professor Dr. Albert Einstein, Berlin W 30, Haberlandstr. 5.” There are perforations for a loose-leaf
binder at the left margin of the document.
[1]Probably Richard Stern (1863–1938), a music publisher.
[2]The Hilfsbund für deutsche Musikpflege M.V. was established in 1920 by the Hungarian violin-
ist and music teacher Carl Flesch (1873–1944).
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