D O C U M E N T 1 8 7 D E C E M B E R 1 9 2 3 3 0 5
187. To Jacques Loeb
[Berlin,] 28. XII. 23.
Verehrter Herr Prof. Löb!
Sie persönlich kennen gelernt zu haben bedeutet einer meiner teuersten Erleb-
nisse und schönster
Erinnerungen,[1]
und Ihre Briefe bewahre ich als Kleinodien.
Wenn ich Ihnen doch fast nicht geschrieben habe, so war das Gefühl massgebend,
dass ich nichts für Sie irgend Bedeutsames zu sagen hatte. So ist es auch noch heu-
te. Ich schreibe Ihnen aber, weil ich Sie um etwas bitten will. In der letzten Zeit hat-
te ich nämlich eine Idee zur Vertiefung der allgemeinen Relativitätstheorie, welche
eine Hoffnung gibt, das Quantenrätsel zu lösen oder doch seiner Lösung näher zu
kommen. Die rechnerische Durchführung meines Planes geht aber über meine in-
dividuellen Kräfte hinaus. Ich glaube aber, dass ich mit mehr Aussicht an diese
Durchführung gehen könnte. wenn ich hierbei die Hilfe eines theoretischen Assi-
stenten hätte. Ich habe schon einen tüchtigen Mathematiker, der mir schon öfter mit
wahrer Hingebung beigestanden ist, einen Herrn Dr.
Grommer,[2]
der sich zudem
wegen eines lästigen Leidens (Wachstums-Hypertrophie des Kopfes, der Zunge
und der Extremitäten durch Erkrankung einer Drüse) für den Lehrberuf nicht eig-
net. Für die Dauer kann ich aber die Hilfe dieses Mannes nicht annehmen, wenn
ich ihm keinen Gehalt geben kann. Da möchte ich Sie vertraulich anfragen, ob kei-
ne Möglichkeit besteht, dass ich von dem Rockefeller Institute eine derartige Un-
terstützung erhalten könnte für diesen Zweck. Ich trage mich schon seit ein paar
Monaten mit diesem Gedanken, zögerte aber bis heute, ob ich diesen Schritt wagen
solle. Nun aber sind die Dinge so weit vorgeschritten, dass ich ein derartiges Ge-
such für wohlberechtigt halte, wenn auch der Enderfolg meiner Untersuchung
durchaus nicht verbürgt werden kann. Ich denke, dass 360 Dollar im Jahre das
Richtige wären. Ich bitte Sie also sehr, mir Nachricht darüber zukommen zu lassen,
ob eine solche Möglichkeit besteht, und welche Bedingungen ich hiefür erfüllen
muss. Mit grosser Freude habe ich gehört, dass die wissenschaftliche Thätigkeit
von O. Warburg in so wirksamer Weise vom Rockefeller Institut gefördert wird.
Der Mann verdient es, dass Ihr ihn so unabhängig gemacht habt; denn er war früher
von den hiesigen Fachkollegen recht übel gedrückt
worden.[3]
Was meinen Fall be-
trifft, so darf ich in dieser ungemein schweren Zeit hier eine derartige Forderung
nicht stellen.
Europa scheint durch die Rückständigkeit seiner Gesinnung verkümmern zu
müssen. Frankreichs Hand lastet furchtbar auf allen, und kein Lichtblick zeigt sich,
keine Aussicht auf Gesundung. Glauben Sie nicht, was von mir in Zeitungen steht.
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