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240. To Max and Hedwig Born
[Berlin,] 29. IV. 24.
Liebe Borns!
Ihr Brief, l. Frau Born war wirklich vortrefflich. In der That besteht das Wohl-
thuende an der japanischen Gesellschaft und Kunst darin, dass das Individuum so
harmonisch im grossen Rahmen steht, dass es in der Hauptsache nicht sich selbst
sondern seine Gemeinschaft
erlebt.[1]
Jeder von uns hat sich in der Jugend danach
gesehnt und hat resignieren müssen. Denn von allen Gemeinschaften, die für uns
in Betracht kommen, möchte ich mich keiner hingeben, es sei denn die Gemein-
schaft der wirklich Suchenden, welche jeweilen nur wenig lebende Mitglieder
zählt.
Nach Neapel habe ich abgeschrieben, indem ich zu meiner Freude erkannte,
dass ein hinreichender Gesundheits-Defekt mir die Möglichkeit dazu
gab;[2]
dafür
gehe ich wieder ein bischen nach Kiel. Bohrs Meinung über die Strahlung interes-
siert mich
sehr.[3]
Aber zu einem Verzicht auf die strenge Kausalität möchte ich
mich nicht treiben lassen, bevor man sich nicht noch ganz anders dagegen gewehrt
hat als bisher. Der Gedanke, dass ein einem Strahl ausgesetztes Elektron aus freiem
Entschluss den Augenblick und die Richtung wählt, in der es fortspringen will, ist
mir unerträglich. Wenn schon, dann möchte ich lieber Schuster oder gar Angestell-
ter in einer Spielbank sein als Physiker. Meine Versuche, den Quanten greifbare
Gestalt zu geben, sind allerdings immer wieder gescheitert, aber die Hoffnung gebe
ich noch lange nicht auf. Und wenns gar nicht gehen will, dann bleibt doch der
Trost, dass der Misserfolg nur an mir liegt.
Geniesset die Schönheit des sonnigen Landes und seid herzlich gegrüsst von
Euerm
Einstein.
Die Bemerkung wegen des Reklamebureaus kam ganz aus dem Unbewussten her-
aus als Folge froher Laune, ohne dass ich mir noch bewusst war, dass Sie irgendwie
damit verheiratet waren. Für Ihre hübsche Bemerkung würd ich Ihren Kopf strei-
cheln, wenn das bei einer verheirateten Dame irgendwie gestattet wäre.
ALSX. Einstein and Born 1969, pp. 118–119. [8 176].
[1]For an elaboration of Einstein’s views on Japanese society and art, see “Musings on My Impres-
sions of Japan,” on or after 7 December 1922 [Vol. 13, Doc. 391]).
[2]Einstein had first declined and then accepted an invitation to lecture in Naples at the fifth Inter-
national Congress of Philosophy (see Doc. 239, note 2).
[3]Bohr had recently published a new approach to the quantum theory of radiation; see Bohr,
Kramers, and Slater 1924a, 1924b. See also Einstein’s more detailed criticism in Docs. 256 and 259.
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