D O C U M E N T 4 5 9 M A R C H 1 9 2 5 7 1 3
459. To Flora Neumann-Mühsam
[Lisbon, 11 March
1925][1]
Liebe und sehr geehrte Frau Neumann!
Es ist sehr lieb und freundlich von Ihnen, dass Sie nach den kurios aussehenden
Geschehnissen in der Hauptstadt mir noch einen so gutherzigen und aufrichtigen
Brief
schreiben.[2]
Und ich bin in einer so eigentümlichen Situation, dass ich nicht
frei von der Leber weg reden kann, wie ich möchte; denn das geht nicht mit Rück-
sicht auf sämtliche Beteiligte. Aber das kann ich Ihnen sagen, dass es mir schwer
wurde so zu handeln, wie ich es that, und zwar sowohl Ihrer Tochter wie Müh-
sams[3]
gegenüber. Nur soviel kann ich sagen, dass Umstände, die nicht von mir ab-
hingen, eine Situation herbeiführten, die mich zu meinem sozusagen fluchtartigen
Rückzuge zwang, der mir sehr schwer und sauer geworden ist. Sagen Sie Betty,
dass sie nicht traurig sein soll, sondern dass sie Gottes Recht hat sich als moralische
Siegerin zu fühlen. Sagen Sie ihr auch, dass sie mein eigentümlich anmutendes
Verhalten nicht als Folge von Rohheit oder Härte auslegen soll. Aber erklären kann
und darf ich Ihnen den Fall nicht, da dies für alle Beteiligte nicht gut wäre. Glauben
Sie mir nur das Eine, dass ich als gewissenhafter und ordentlicher Mensch nicht an-
ders konnte als mich so ins Schneckenhaus verkriechen. Die Aussprüche von mir,
die Sie zitieren, sind wahrheitsgetreu und waren so ehrlich gemeint wie nur mög-
lich. Sie können aus denselben entnehmen, in was für einem schweren Zwang ich
gehandelt haben muss. Denn ich nehme es nicht leicht mit meinen menschlichen
Beziehungen und fasse nicht leicht Sympathie zu jemand.
Sie müssen aus diesem Brief und aus der Thatsache, dass ich Ihnen sogleich ant-
worte, entnehmen, dass es mir wichtig ist, Ihnen und Ihrer Tochter etwas Enttäu-
schendes zu ersparen, und beinahe ebenso leid ist es mir, Mühsams derartige
Empfindungen zu erregen. Aber ich konnte als ehrlicher Mensch nicht anders.
Sie und Ihre Tochter grüsst mit voller Sympathie Ihr Sie hochschätzender
A. Einstein
ALS (IsJNLI/Schwadron Mss. Collection, Einstein Collection). [120 912]. Written on letterhead
“Hamburg-Südamerikanische Dampfschifffahrts-Gesellschaft ‘Cap Polonio.’” The envelope is ad-
dressed “Frau Flora Neumann Griesplatz 2 Graz (Österreich)” and postmarked “Ambulancias
Avenida-Gare [11?] Mar [25].”
[1]Einstein sojourned in Lisbon on 11 March (see Doc. 455, entry for 11 March 1925).
[2]A reference to the end of his relationship with Betty Neumann (see Doc. 350).
[3]Hans Mühsam and Minna Mühsam-Adler.
Previous Page Next Page