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325. To Jacques Loeb[1]
[Berlin,] 14. VIII. 22.
Verehrter Herr Prof. Loeb!
Ich habe in Ihrem Buch viel und andächtig gelesen und bewundere sehr die
Stringenz Ihrer Gedankengänge und die Schönheit und Mannigfaltigkeit der
Zusammenhänge.[2]
Was nur noch nicht klar geworden ist, das ist, wie es kommt,
dass das Kolloid-Molekül nur entweder als Säure oder als Base wirkt. Aber ich hof-
fe, vollständig durchgedrungen zu sein, wenn Sie hierher kommen. Ich hoffe, Sie
im September hier in Berlin zu
sehen.[3]
Meinen Vortrag in Leipzig habe ich
abgesagt,[4]
weil ich bei der gegenwärtig in Deutschland herrschenden politischen
Erregung etwas gefährdet bin, sodass ich mich hübsch im Verborgenen halten
muss, was mir aber ganz angenehm ist. Anfangs Oktober gehe ich mit meiner Frau
nach Japan und denke, dass alles wieder ruhiger geworden ist, wenn ich nach einem
halben Jahr zurückkehre. Ich hatte einen schönen Monat Ferien mit meinen Buben
zusammen in einem kleinen Gartenhäuschen bei Berlin am Wasser, so eine Art
Indianerleben.[5]
Die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse in Europa wer-
den immer verwickelter; Sie werden viel Interessantes, aber weniger Erfreuliches
auf Ihrer Reise sehen. Herr Flexner war nicht bei
mir.[6]
Ich hoffe dass Ihr Euer
Geld nicht den an Tausend Rücksichten gebundenen Organisationen sondern direkt
denen gebet, die etwas Rechtes damit anzufangen wissen. Sonst geht es in unwirk-
same kleine Portionen zur Unterstützung der überflüssigen
Mittelmässigkeiten.[7]
In der Freude auf ein baldiges Wiedersehen bin ich mit besten Grüssen von uns
beiden Ihr Sie verehrender
A. Einstein.
ALS (DLC, Jacques Loeb Papers, mss19596). [15 192].
[1]Loeb (1859–1924) was director of the Division of General Physiology at the Rockefeller Insti-
tute for Medical Research in New York.
[2]Loeb was working on a manuscript on colloids toward the end of 1921 (see 24 December 1921
in Vol. 12, Calendar). It was published as Loeb 1922.
[3]Loeb planned to participate in the centenary meeting of the Gesellschaft Deutscher Natur-
forscher und Ärzte in Leipzig.
[4]In Doc. 266.
[5]In Spandau (see Doc. 306).
[6]Abraham Flexner (1866–1959) was secretary of the General Education Board of the Rockefeller
Foundation. As of the spring of 1922, he was surveying medical education in Europe. For his experi-
ence in war-stricken Germany, see Bonner 2002, pp. 182–183.
[7]Loeb intended to obtain financial help for German scientists from the Rockefeller Foundation
(see Vol. 12, Doc. 188 [Jacques Loeb to Einstein, 20 July 1921] and Doc. 344).
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