D O C U M E N T 3 6 8 S E P T E M B E R 1 9 2 2 5 1 9
368. To Jacques Loeb
[Berlin,] 22. IX. 22.
Hoch verehrter Herr Prof. Löb!
Ich glaube jetzt das Entweder-Oder-Verhalten (sauer oder basisch) nach Ihrer
Theorie ganz einfach zu
begreifen.[1]
Da die Kolloide sehr schwache Säuren und
Basen sein sollen, so werden die Moleküle nur dann ein
H+
in beträchtlicher An-
zahl abspalten können, wenn die
H+-Konzentration
in der Lösung erheblich kleiner
ist als in reinem Wasser. Ebenso wird die
OH–-Abspaltung
an eine winzige Kon-
zentration der
OH–
in der Lösung gebunden sein. Beide Bedingungen können we-
gen der Gleichgewichtsbedingung
nicht gleichzeitig erfüllt sein. Diese Auffassung hat allerdings noch ihre Schwie-
rigkeiten, weil man nicht recht begreift, warum bei derselben Kolloide in reinem
Wasser überhaupt [quellen] sollen.
Die hiesigen Verhältnisse sind thatsächlich sehr unerfreulich, weil der Geist der
Intoleranz und Borniertheit bei den hiesigen Intellektuellen wohnt. Aber ich leide
darunter nicht, weil ich von den Menschen weitgehend unabhängig bin und mir
nichts aus ihren Meinungen und ihrem Verhalten mache. Auch materiell bin ich
weitgehend unabhängig, indem die Bezahlung, welche ich von der Akademie er-
halte, praktisch unerheblich ist, so dass ich ohne Gleichgewichts-Störung auf sie
verzichten kann. Mit meiner persönlichen Gefährdung ist es wohl nicht so
schlimm, wie es die Zeitungen dargestellt haben. Ich gedenke also—abgesehen von
der für mich höchst interessanten Japan-Reise, die ich in einigen Tagen eintrete—
ruhig hier zu bleiben. iIch danke Ihnen von ganzen Herzen für Ihr nochmaliges ge-
neröses
Anerbieten;[2]
wenn wirklich ernsthafte Schwierigkeiten auftreten sollten,
werde ich dankbar und hoffnungsvoll darauf zurückkommen.
Hoffentlich geht es Ihrer Frau wieder gut. Ich bedauerte tief, dass Sie aus diesem
Grunde nicht nach Leipzig kommen konnten, glaube aber, dass Sie im Übrigen
nicht viel Gutes verloren haben. Zur Durchsetzung Ihrer schönen Gedanken über
die Kolloide wird der Stärke Ihres Beweismaterials genügen. Man muss die Wahr-
heit nicht verteidigen, denn sie ist selber stark genug!
Wenn Sie für die Wissenschaft in Deutschland etwas geben wollen, so geben Sie
es nur nicht den Organisationen, welche stets nach dem Prinzip des minimalen Odi-
ums ihre Entschlüsse fassen, sondern nach freien Erweisen einigen tüchtigen Leu-
ten.
CH+ COH- konst =
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