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wir herzlich für die schöne Karte aus
Japan.[4]
Wir wussten nie Eure Adresse und
konnten nicht antworten. Jetzt möchte ich aber den Gedankenaustausch wieder auf-
nehmen, soweit ich Deine Zeit beanspruchen darf. Wie gern würde ich mir Deine
Erlebnisse auf der grossen Reise erzählen lassen. Vielleicht komme ich Ende des
Monats auf einige Tage nach Berlin, um einen amerikanischen Gönner und Freund
zu besuchen, der mir hilft, meine Studenten
durchzufüttern.[5]
Dann hoffe ich Dich
zu sehen.— Wir haben hier sehr still und zurückgezogen gelebt. Das einzige, äu-
ßere Ereignis von Bedeutung war ein Besuch Lord
Haldanes.[6]
In dessen Kopf
sieht es recht konfus aus; trotzdem haben die allgemeine Bildung und das europä-
ische Wesen des Mannes auf uns (d. h. Hilbert, Franck,
Courant[7]
u. mich) großen
Eindruck gemacht.— Falls Du die Zeitschriftenhefte des letzten Halbjahrs durch-
blätterst, wirst Du sehen, daß ich ziemlich fleißig war und auch eine ganze Menge
von Schülern in Gang gehalten
habe.[8]
Aber es sind lauter kleine Probleme, mit
denen ich mich herumschlage. An die großen Quantenrätsel komme ich trotz aller
Mühe nicht heran. Wir haben hier Störungstheorie (nach Poincaré)
gelernt,[9]
um
festzustellen, ob man bei genauer Rechnung aus den Bohrschen Modellen die be-
obachteten Termwerte bekommt; aber das ist ganz sicher nicht der Fall, wie sich
beim Helium gezeigt hat, wo wir alle möglichen mehrfach-periodischen Bahnen
(mit genügender Annäherung) gefunden
haben.[10]
Ich hatte im Winter Heisenberg
hier (da Sommerfeld in Amerika war); dieser ist mindestens ebenso begabt wie
Pauli, aber persönlich netter und
erfreulicher.[11]
Auch spielt er sehr gut Klavier.
Wir haben außer der Helium-Arbeit zusammen einige prinzipielle Fragen der
Bohrschen Atomtheorie untersucht, besonders über die Phasenbeziehungen in
Atommodellen (Z-f.
Phys.).[12]
Jetzt bin ich auch endlich mit meinem grossen En-
zykl.-Artikel über Gittertheorie fertig; er ist etwa 250 Seiten lang geworden und
soll als 2. Aufl. meines alten Buches
erscheinen.[13]
Ich hoffe, daß er im Mai heraus
kommen wird. Damit lege ich dieses Gebiet ad acta, bis die Frage der homöopola-
ren Atombindung vom Bohrschen Standpunkt aus geklärt
ist.[14]
Leider versagt je-
der Versuch zu genauer Begriffsbildung. Ich sehe nur, daß alles in Wirklichkeit
ganz, ganz anders sein muss, als man jetzt denkt. Qualitative Resultate aber kann
man in Menge aus den Bohrschen Ideen schöpfen; Franck ist darin großartig und
macht immer wieder hübsche Experimente. Ich zittere davor, daß Franck den Ruf
nach Berlin
kriegt.[15]
Es wäre für ihn, für die Physik und auch für Berlin besser,
wenn er hier bliebe. Von mir ganz zu schweigen! Augenblicklich ist er nach Hol-
land zu
Hertz[16]
gefahren. Man hört, daß Du eine neue Theorie über Zusammen-
hang von metrischem und elektromagnetischem Feld hast, wobei eine Beziehung
der Gravitation zum Erdfelde herauskommen
soll.[17]
Ich bin äußerst neugierig dar-
auf. Was sonst an relativistischen Arbeiten publiziert wird, lässt mich meistens
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