2 9 2 D O C U M E N T 1 5 9 J A N U A R Y 1 9 2 6 159. From Eduard Einstein Zürich, 10 Jan. 1926 Lieber Papa! Ich sehe zu meinem Schrecken, daß ich Dir wieder eine beträchtliche Zeit lang nicht geschrieben habe.[1] Aber das ist eben so: wenn man so weit voneinander ent- fernt ist, dann vergißt man die gegenseitigen Pflichten über Naheliegenderem. Und ich muß sagen, während ich sonst gerne schreibe, habe ich das Briefeschreiben gar nicht besonders gern. Es hat so etwas Unheimliches, eine Person, die man gar nicht sieht, anzureden und mit ihr über persönliche Dinge zu sprechen. Wir haben wiedereinmal Ferien. Aber sie sind kurz, und wir sind in Zürich ge- blieben (vollständige Pleite!)[2] und das Wetter ist schlecht, von einer sentimenta- len sommerlichen Wärme. Daher sind die Ferien doch nicht so schön, wie man erwarten könnte. Manchmal langweile ich mich sogar, aber das schadet schließlich nichts, es vermindert den Kontrast zwischen Schule u. Ferien.[3] Und was treibe ich denn immer? Ich weiß nicht, viel mache ich ja gewöhnlich nicht in den Ferien und besonders jetzt ¢bei² an den Feiertagen vergeht die Zeit mit Besuchen etc. Aber ich spiele jetzt relativ sehr viel Klavier. Ich spiele jetzt in den Stunden das Wohltem- perierte Klavier von Bach[4] und das ist natürlich wunderbar schön. Aber ich habe auch meine Vorliebe für Moderneres, namentliche meine Heroen Reger u. Débussy[5] nicht aufgegeben. Z. B. gibt es von Reger eine Anzahl von kleinen Prä- ludien und Fugen,[6] die allerdings ziemlich viel von Bach in sich haben, aber ganz reizend sind. Wir haben jetzt hier die Geigensonaten von Haydn,[7] aber—nichts für ungut—ich finde sie recht langweilig u. unbedeutend. Ich finde, mit Mozart- Sonaten können sie doch keinen Vergleich aushalten. Ich lese auch manchmal, wenn auch nicht sonderlich viel. Von Schopenhauer[8] lese ich einige seiner kleineren Abhandlungen, vielleicht weniger des Inhalts we- gen, als weil sie so köstlich geschrieben sind. Es ist merkwürdig, wie Schopenhau- er namentlich in diesen kleinen Schriften immer wieder eine Gelegenheit findet, seinen philosophischen Gegnern, besonders Hegel einige saftige Bosheiten zu sagen[9] Ob sie Berechtigung haben, das kann ich ja nicht beurteilen, aber die krankhafte Häufigkeit, mit der er immer seine eigenen Werke gegenüber [d]en an- dern hervorhebt, läßt doch darauf schließen, daß er sich zurückgesetzt fühlte. Und auch sonst sagt er manchmal Dinge, die mir unrichtig scheinen, zum Beispiel daß das ganze Leben vollständig vorausbestimmt sei bis in seine unbedeutendsten Klei- nigkeiten, einmal, weil das aus einer seiner Abhandlungen (die ich nicht kenne)
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